Was ist ein Narrativ – und warum ist es nicht dasselbe wie Storytelling?
- Julia Auerbach
- 10. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Juni
Es gibt Unternehmen, über die man spricht, ohne genau erklären zu können warum. Nicht weil sie das lauteste Marketing haben. Sondern weil etwas an ihrer Haltung, ihrer Sprache, ihren Entscheidungen konsistent ist – auf eine Art, die sich rund anfühlt. Das hat einen Namen.
Omnipräsent und missverstanden
„Narrativ" – das Wort hat Karriere gemacht. In Kommunikations- und Strategiediskussionen fällt es inzwischen verlässlich und wird dort oft für etwas verwendet, das eigentlich ganz anders heißt. Meistens ist damit eine Geschichte gemeint. Manchmal eine Kampagne. Ab und zu ein Claim. Das ist nicht falsch. Aber es greift zu kurz.
Ein Narrativ ist kein Text, kein Spot, keine Keynote, kein LinkedIn-Post. Ein Narrativ ist ein Deutungsmuster – eine verdichtete Logik, die erklärt, wie die Welt ist, warum sie so ist, und welche Rolle jemand darin spielt. Es beantwortet nicht was gesagt wird, sondern aus welcher Überzeugung heraus überhaupt gesprochen wird.
Von Es war einmal zu Es wird einmal
Storytelling ist auch eines dieser Wörter. Häufig nahezu synonym verwendet, beschreibt es in erster Linie eine Technik. Eine sehr wirksame, gut erforschte Technik, um Inhalte emotional zugänglich zu machen. Eine echte Geschichte braucht eine Heldin oder Helden, einen Konflikt und schließlich eine Auflösung. Sie erzeugt Spannung, Empathie, und bleibt so in Erinnerung. Das Narrativ ist der Rahmen, in dem diese Geschichte erst Sinn ergibt. Der Shift von Es war einmal zu Es wird einmal.
Dornröschen schläft einhundert Jahre, wird durch einen Kuss geweckt. Soweit die Geschichte. Und das Narrativ? Wer wartet, wird belohnt – und wer schläft, offenbar auch. Oder: Die Richtigen finden sich, egal was dazwischenkommt. Oder, etwas nüchterner: Erlösung kommt von außen – und im Märchen natürlich in Form des rettenden Prinzen. Dieselbe Geschichte, drei völlig unterschiedliche Weltbilder. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Ein Beispiel aus dem Business-Kontext: Die Geschichte vom Gründer, der nachts um drei noch im Büro sitzt und an seinem Produkt arbeitet – das ist Storytelling. Das Narrativ dahinter könnte heißen: Leidenschaft schlägt Ressourcen. Oder: Wer wirklich will, findet einen Weg. Oder – in einer anderen Lesart – Selbstausbeutung als Tugend. Je nach Deutungsmuster im Hintergrund, entsteht eine völlig andere Wirkung. Und eine völlig andere Konsequenz für alles, was danach kommt.
Storytelling kann man lernen und anwenden. Ein Narrativ muss man verstehen, bevor man es bewusst einsetzen – oder bewusst verändern – kann.
You cannot not communicate
Auch ein Unternehmen ohne klares Narrativ kommuniziert. Es sendet permanent Signale – durch Sprache, Prioritäten, durch das, was betont und was weggelassen wird. Das führt zu einer Reihe von Symptomen, denen wir in der Praxis leider sehr häufig begegnen:
Kommunikation, die intern anders klingt als extern. Positionierungen, die präzise formuliert sind, aber irgendwie nicht haften. Führungskräfte, die dasselbe Unternehmen unterschiedlich beschreiben. Kampagnen, die gut gemacht sind und trotzdem nicht das Richtige auslösen.
Was zunächst nach handwerklichen Fehlern aussieht, ist in Wirklichkeit eine Narrativ-Lücke.
Ein klares Narrativ wirkt nicht nur nach außen. Es wirkt auch nach innen: als Orientierungsrahmen für Entscheidungen, Prioritäten, Sprache.
Welche Partnerschaften passen? Welche Themen besetzen wir, welche nicht? Was antworten wir, wenn eine Journalistin fragt, wofür das Unternehmen eigentlich steht?
All das sind keine Kommunikationsfragen. Das sind strategische Fragen, die sich über Kommunikation manifestieren.
Ein Lebenslauf ist kein Narrativ
Dasselbe gilt für Gründer:innen, Führungskräfte und alle, die öffentlich kommunizieren. Personal Branding wird oft auf Sichtbarkeit reduziert: mehr Posts, mehr Reichweite, mehr Präsenz. Aber Sichtbarkeit ohne Narrativ ist Lärm.
Was macht jemanden wirklich greifbar? Das ist weder der Lebenslauf noch die Kompetenzliste. Sondern die Antwort auf eine einzige Frage: Wofür steht diese Person – und warum sollte mich das interessieren?
Diese Überzeugung, wenn sie klar ist, ist ein Narrativ. Und sie entscheidet darüber, ob jemand erinnert, weiterempfohlen, gebucht wird. Ob Kommunikation Vertrauen aufbaut oder nur Informationen liefert.
Der eigentliche Anfang
Ein Narrativ ist lebendig. Es entsteht aus echten Überzeugungen, aus Haltung, aus dem, was ein Unternehmen oder eine Person tatsächlich tut – nicht nur aus dem, was sie über sich sagt. Es kann geschärft und weiterentwickelt werden. Aber es kann nicht einfach erfunden werden. So einfach ist es leider nicht. Oder zum Glück? Ein Narrativ wird nicht geschrieben. Es wird freigelegt. Der Rest – Strategie, Sprache, Sichtbarkeit – folgt daraus. Aber eben erst dann.
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